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Erlebnispädagogik

Referat zum Thema: Erlebnispädagogik
Von: Sabrina Herrmann
Datum: 15. Januar 2001

1 Vorwort: Kindheit ohne Abenteuer

Kinder brauchen Abenteuer, weil die natürliche Umwelt ihnen diese nur noch in eingeschränkter Weise bietet.

Das Abenteuer des Kindertagesstättenlebens besteht für viele Kinder darin, mit logischen Blöcken zu arbeiten, Buchstaben und Zahlen nachzumalen und Arbeitsblätter zu vervollständigen.

Der Tagesstättenalltag ist häufig durch von Erwachsenen gemachten Pläne geregelt. Vorgefertigte meist monofunktionale Spielzeuge lassen wenig Spielraum für Phantasie und Kreativität. Und Spielräume im Kindergarten bieten wenig Bewegungsanreize und Bewegungsräume.

Die Spielräume sind in Einrichtungen mit Möbeln und Unmengen von Spielzeugen so "zugemauert", dass die Kinder keine Geheimnisse haben können, selbst in Puppenecken und Bauecken nicht. Die Erwachsenen haben alles unter Kontrolle. Grenzüberschreitungen, Mutproben und Experimente sind unter den kritisch, beaufsichtigenden Augen der Pädagogen/Pädagoginnen meist nicht möglich.

Erst langsam setzt sich das Bewusstsein durch, dass Kinder sehr gut mit Freiraum und Verantwortung umgehen können. Wenn Kinder genug freie Räume haben, lernen sie früh Verantwortung zu übernehmen, trainieren umsichtiges und geschicktes Handeln und gewinnen so Sicherheit.

Kinder lieben Spiele

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im Freien

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selbstinitiierte Abenteuer

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Bewegung

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Abwechslung

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Sport

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Experimente

"erwachsenfreie Zonen"

Kinder wollen nicht nur eigene Ideen entwickeln, sie wollen sie auch umsetzen. Dazu brauchen sie den Raum und das Einverständnis der Erwachsenen. "Entsprechen (Anpassen) wir? doch einfach dem kindlichen Bedürfnis nach Bewegung, Abenteuer, Selbstständigkeit und wilden spielen !"

"Geben wir ihnen doch wieder die Möglichkeit Medienerlebnisse auszugleichen und zu verarbeiten !"

"Lassen wir sie selbst zu Helden und Heldinnen werden, einen eigenen Spielraum erwerben und eigene Regeln des zusammen Spielens entwickeln !"

"Geben wir ihnen Raum und Möglichkeiten individuelle Grenzen auszutesten, Mutproben zu machen und eigene Erfahrungen zu sammeln !""Und Erlebnispädagogik macht es den Kindern durch ihre erlebnispädagogische Aktivitäten möglich !"

2 Erlebnispädagogische Grundlagen:

Erlebnispädagogik ist mehr als eine Idee oder Therapie. Sie ist ein Menschenbild und eine Herausforderung. Sie kann überall stattfinden und ist nicht untrennbar mit Segelschiffen, Wüsten, Urwäldern und Bergen verbunden. Sie ist eine Herausforderung für jeden Teilnehmer, wie Leiter. Erlebnispädagogik ist kein geschützter Begriff.

Es existieren vielfältige erlebnispädagogische Strömungen und es gibt unterschiedliche erlebnisorientierte Konzepte. Trotz aller Verschiedenheit zeigen sich in den Konzepten auch Übereinstimmungen.

Es geht fast immer um Selbsterfahrungslernen, ganzheitliches Lernen, um Lernen in der Gruppe und Lernen an realen Situationen. Es geht um individuelle Grenzenerfahrungen und deren Reflexion.

Im Vordergrund steht für Pädagogen in der Regel der Gedanke: "sich selbst erleben lernen !"

3 Geschichte der Erlebnispädagogik

Kurt Hahn und die Erlebnispädagogik

Kurt Hahn, geboren 1886 und gestorben 1974, ist der eigentliche Vater der Erlebnispädagogik. Er war ein Schüler von Lietz, dem Begründer der Landerziehungsheime.

Nachdem Hahn mit Lietz eine Weile zusammenarbeitete, entwickelte er ein Schulkonzept. Er gründete ein eigenes Landerziehungsheim Schloss Salem am Bodensee, das er bis zu seiner Flucht 1934 vor dem Nationalsozialisten nach Großbritannien leitete und dies noch heute existiert.

Hahn ging davon aus, dass in jedem Menschen gute wie auch böse Kräfte schlummern. Durch Einflüsse der Umgebung und durch Menschen würden entweder die einen oder die anderen geweckt. Er ging davon aus, dass der Mensch charakterlich von der ihn umgebenen Welt formbar, wandlungs- und anpassungsfähig sei. Diese Vorstellungen bezog er vorwiegend aus der reformpädagogischen Bewegung.

Hahn ging von dem Bedürfnis des Kindes nach Spiel, Bewegung und Spannung aus und beeinflusste die Verhaltensweisen der Kinder und Jugendlichen, mit denen er arbeitete, durch intensive Erlebnisse.

Durch Handlungsanforderungen, die sich aus außergewöhnlichen und an Grenzen stoßenden Situationen ergaben, versuchte er Verhaltensänderungen zu erzielen. Hahn entwickelte seine Erlebnistherapie, die vier Elemente beinhaltete:

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körperliches Training

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Expedition

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Projekte

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Rettungsdienste

Durch das Zusammenwirken dieser Elemente, versprach sich Hahn eine sinnvolle charakterliche Bildung seiner Zöglinge und den Einhalt des gesellschaftlichen Verfalls. Er forderte von seinen Zöglingen die Fähigkeit zur "energischen Teilnahme" als Mittel "gegen die Seuche der Kaltherzigkeit".

Nächstenliebe als Element charakterlicher Bildung war sein Motto. Lernen sollte bei Hahn durch konkretes Handeln und lebenspraktischen Bezug bestimmt sein. Dabei nahm folgendes wesentlichen Raum ein:

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Zusammenleben in einer Gruppe

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Aufbau stabiler, individueller Persönlichkeit

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Entwicklung von Eigeninitiative

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Spontaneität

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Kreativität

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Entdeckung von verborgenen Fähigkeiten und Stärken

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Übernahme von Verantwortung

4 Erlebnispädagogische Konzepte

4.1 Outward Bound – deutsche Kurzschulen

Dies sind Bildungsstätten, in denen kurzzeitpädagogische Kurse für vorwiegend unterprivilegierte Jugendliche abgehalten wurden. Hahn gründete die erste deutsche Kurzschule 1952 in Weißenhaus an der Ostsee. Dort waren auch erstmals Segelexpeditionen möglich.

Um den Eindruck des verkopften Lernens zu vermeiden, wurden die Schulen in "Outward Bound" umbenannt.

Heute ist "Outward Bound" ein freier Träger der Jugend- und Erwachsenenbildung und bietet Seminare an, deren Schwerpunkt auf naturkundlich und sportlich orientiertem Gebiet liegt. Seit 1993 bietet auch "Outward Bound" eine berufsbegleitende erlebnispädagogische Zusatzausbildung an.

4.2 Erlebnisorientierte Sportkultur – Traumfabrik

Die Sportkultur der Traumfabrik (Universität Regensburg) bietet seit 1980 Inhalte wie

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Abenteuersport

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Akrobatik

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Jonglieren

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Seilkünste

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Sporttheater (Schwarzes Theater, Pantomime etc.)

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Frisbee-Spiele

an. Dem Begründer der Traumfabrik, Rainer Pawelke ging es bei der Entwicklung des Konzeptes um eine neue Sportkultur an Schulen und in Kindergärten, bei denen es um erlebnisorientierte, kreative, originelle, experimentelle, musisch –ästhetische und poetische Inhalte geht.

4.3 Erleben und Therapie – psychologisch- psychotherapeutischer Ansatz

Erlebnispädagogik als Therapieform für

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gemütskranke Menschen

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beziehungsgestörte Menschen

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körperlich und seelisch behinderten Menschen

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geistig- und mehrfachbehinderte Menschen

In der Auseinandersetzung mit anderen Menschen, Tieren und "leisen" Erlebnissen werden die Patienten ermuntert, ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden und Vertrauen zu gewinnen.

Es gibt folgenden Erlebnis – Förderbereich: – Bereich der Wahrnehmung z. B. durch ein Konzept der basalen Stimulation – Kommunikation; es werden Formen verbesserter Kommunikation und Beziehung entwickelt- Entspannung und Aktivität. Wechsel zwischen Entspannung und Aktivität, in entsprechender Umgebung, sorgt für Stimulierung- Gefühle und Emotionen durch Geräusche, Musik, Sinne aktivierende Spiele und Berührungen und Massagen

4.4 Psychologisch – humanistischer Ansatz

Die Humanistische Psychologie geht davon aus, dass der menschliche Organismus tendenziell Lust auf Spannung, die durch den ständigen Wechsel zwischen angenehmen und unangenehmen Erlebnissen entsteht, hat und die Tendenz in sich trägt, bestehende Grenzen zu überschreiten und zu erweitern. Ein Beispiel zum Wechselbad der Gefühle:

Ein Kind sieht einen wunderschönen, knorrigen Kletterbaum, wird es Lust verspüren, diesen zu besteigen. Bevor es aber zur Tat schreitet, wird es sich fragen, ob das Problem zu bewältigen ist und evt. was die Erzieherin dazu sagen wird. Es wird vielleicht einen Moment abwarten, um diesen Baum heimlich erklettern zu können. Auf dem Weg zum Gipfel wird es vielleicht Angst bekommen und die Umkehr in Erwägung ziehen. Es wird auch nach Beobachtern Ausschau halten. Das Kind wird aber auch stolz auf jeden errungenen Ast sein und Glücksgefühl beim erreichen des Ziel bekommen. Der psychologisch – humanistische Ansatz setzt im Hier- und – Jetzt an, beschäftigt sich mit der aktuellen Situation des Kindes und stellt das Erleben in den Mittelpunkt.

4.5 Präventive Erlebnispädagogik – "Erlebe Dein Leben!"

Ziele präventiver Erlebnispädagogik sind die Entwicklung und Stabilisierung von Eigeninitiative und Selbstvertrauen und die Schulung der Wahrnehmungsfähigkeit, insbesondere der häufig vernachlässigten Wahrnehmungsbereiche, sowie die Vermittlung von sozialen Erfahrungen und Selbsterfahrung.

Präventive Erlebnispädagogik will Erlebnisse auch nicht als Ware anbieten sondern will Kindern und Jugendlichen elementare Erfahrungen ermöglichen, die ihnen bisher entgangen sind. Dies können z.B. auch Zeltübernachtungen sein.

4.6 Erlebnispädagogik als Angebot der Jugendhilfe

Erlebnispädagogik in der Jugendhilfe bedeutet:

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Prävention (Erlebnispädagogik als Antwort auf den Mangel an Eigeninitiative und körperlicher Beweglichkeit)

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Bildungs- und Beziehungsarbeit (im Rahmen sozialpädagogischer Freizeitangebote)

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Langzeitpädagogik ( im Rahmen der stationären Jugendhilfe und im Rahmen von Segelfahrten)

 

a) individuelle Hilfen ( in besonderen Lebenslagen)

5 Bausteine der Persönlichkeitsentwicklung des Kindes

5.1 Abenteuerliche Erlebnisse

In erster Linie dienen erlebnisorientierte Aktivitäten dazu, eigene Stärken und Schwächen zu erkennen, zu akzeptieren oder über Veränderung nachzudenken und ein positives Selbstkonzept aufzubauen. Dies wird durch entsprechend eingesetzte Aktion unterstützt. Im Rahmen naturkundlicher und erlebnisorientierter Aktivitäten, in überschaubaren Gruppen entwickeln sich vielfältige Kompetenzen.

Die Aufgabenstellung sieht in der Regel so aus, dass die Bewältigung nur durch gemeinsamen Einsatz individueller, sozialer und handwerklicher Fähigkeiten gelingt. Das bedeutet, dass individuelle und gemeinsame Bedürfnisse und Vorstellungen geklärt werden müssen.

Dann können Kinder folgendes lernen:

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eigene und fremde Bedürfnisse wahrzunehmen

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sensibel für die anderen Kinder der Gruppe zu werden

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Entscheidungen zu treffen

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Selbstkontrolle zu üben

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Kooperativ zu handeln

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Sicherheit zu erfahren

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neue Verhaltensmuster kennen zulernen

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andere Rollen einzuüben und Problemlösungsverhalten auch in Konfliktsituationen

 

b) zu üben

 

Ein Kind, das eigene Stärken kennen gelernt hat, kann auch Schwächen akzeptieren.

In der Auseinandersetzung mit anderen Menschen lernt das Kind auch ein Bild von sich selbst zu entwickeln.

c) Es lernt Grenzen kennen und weiß, wann Forderungen oder Wünsche anderer ein entschiedenes "Nein" entgegengesetzt werden muss. Die Bewältigung von Herausforderungen dienen wie für persönliche auch für gruppenbezogene Weiterentwicklung.

Unter Herausforderungen sind dabei lebensbezogene Situationen zu verstehen, die aktiv handeln und erfahrungsbezogen zu gestalten sind. Eine vernetzte Anforderung an Körper- Geist- Seele trägt aus Sicht von Pädagogen zur sensomotorischen Integration bei.

 

5.2 Kooperation, Interaktion und Kommunikation

Kooperation, Interaktion und Kommunikation sind elementare und zentrale Dimensionen unseres Lebens. Zitat von Hans–Herbert Dreiske:

"Man sollte Kinder lehren, ohne Netz auf einem Seil zu tanzen, bei Nacht allein unter freiem Himmel zu schlafen, in einem Kahn auf das offene Mehr hinaus zu rudern. Man sollte sie lehren, Luftschlösser statt Eigenheime zu erträumen, nirgendwo sonst als nur im Leben zu Haus zu sein und in sich selbst Geborgenheit zu finden." Interaktion ohne Kommunikation ist nicht denkbar.

Zur gegenseitigen Verständigung benötigen wir ein gemeinsames System von Worten und Zeichen. Je besser Menschen sich kennen lernen, desto eher sind sie in der Lage, ein gemeinsames System der Verständigung zu entwickeln, eine gemeinsame Sprache zu finden.

Ähnlich verhält es sich mit der Interaktion, bei der es um die gesellschaftlichen, also äußerlich wahrnehmbaren Beziehungen der Menschen zueinander handelt.

Beides, Kommunikation und Interaktion, wird im Laufe des Lebens erlernt, und beides ist Voraussetzung für erfolgreiche Kooperation. Im Rahmen von Gruppenarbeit, also in der Begegnung mit anderen Menschen, gekoppelt mit Erfahrungen und Erlebnissen, die gute Gefühle verursachen, können Interaktions-, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit ebenso angebahnt werden.

Schon jetzt sind Kompetenzen wie Teamfähigkeit bei potentiellen Arbeitgebern ebenso gefragt, wie Fach- und Ich – Kompetenz.

Die Probleme der Zukunft lassen sich nicht von Einzelpersonen und ohne Rücksicht auf andere Menschen lösen.

Im Rahmen erlebnisorientierter Aktionen können Kinder erleben, wie entspannte Kommunikation, erfolgreiche Interaktion und kooperatives Bewältigen von Aufgaben nicht nur zum Erfolg führen, sondern auch Genuss verschaffen und zum individuellem Wohlbefinden beitragen können.

Im Mittelpunkt erlebnisorientierter Aktionen steht zwar das Erlebnis, der Schwerpunkt ist jedoch im zwischenmenschlichen Bereich zu sehen. Im Rahmen erlebnisorientierter Aktionen wird gelernt – die helfende Pädagogin lehrt aber nicht. Sie lässt Unvorhersehbares zu, akzeptiert Kinder, so wie sie sind, und unterstützt spontane Aktionen der Kinder.

Jedoch viele Pädagogen stören den Selbstfindungsprozess und verhindern eine vertrauensvolle Beziehung, wenn sie ihr Bild vom "richtigen" Handeln auf die Kinder projizieren, das eigene Bedürfnis nach Wohlbefinden im Auge haben und nicht das der Kinder.

5.3 Zwischenmenschliche Beziehungen

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Erlebnisorientierte Aktionen und Beziehungsarbeit

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Beziehung von Kinder zu Erwachsenen

Zitat von K. Singer aus dem Heft "klein und groß" (2/94, S. 6)" Die helfende Beziehung gibt Kindern Sicherheit. Erziehung ist eine helfende Beziehung. Zu ihr gehören zuverlässige Kontakte und aufmerksame Hinwendung. Kinder brauchen eine vertrauensvolle und angstfreie Beziehung zu Eltern und Erziehern. Gestörte Beziehung kann krank machen – sichere Beziehung kann heilen.

Nichts wirkt auf die seelische Entwicklung verletzender ein, als wenn ein Kind allein gelassen wird. "Ist die Beziehung zu Pädagogen und Betreuenden von gegenseitiger Akzeptanz geprägt, sind die Chancen für eine fruchtbare Zusammenarbeit gut. Im Rahmen der Begegnung mit dem Erwachsenen zeigt sich, welchen Stellenwert das Kind hat. Es stellt fest, ob es ernst genommen wird, ob seine Wünsche und Interessen von Bedeutung sind und ob Erwachsene zuhören statt belehren können.

Eine hilfreiche Beziehung ist nicht belehrend und nicht beurteilend. Sie ist offen, fair, am Kind und an einer gemeinsamen Bewältigung möglicher Probleme interessiert. In einer hilfreichen Beziehung lebt der Pädagoge nicht vor, er lebt mit.

In einer gelungenen Beziehung begreifen sich Erwachsene und Kinder als gemeinsam am Erfahrungs- und Erlebnisprozess Beteiligte.

Wer Kinder ernst nimmt und sie in ihrer Fähigkeit, eigene Interessen wahrzunehmen, unterstützen will, muss die Beziehung zwischen Kind und Erwachsenem zu einem Erlebnis werden lassen. Zitat von W. Hinte von einer Dokumentation einer Fachtagung 1992"Vorleben impliziert, dass ich deshalb lebe, weil ich einem anderen etwas zeigen will.

Leben meint, dass ich etwas tue, weil ich es richtig finde, es zu tun. Wer vorlebt, steht immer unter dem Druck, richtig zu leben, damit die Zuschauenden auch das richtige Modell zum Abgucken haben. Da darf nichts schief gehen, da darf kein lautes Wort fallen, da muss man die Einheitsnorm präsentieren. Das macht Magengeschwüre.

Ich finde es gut, mit anderen etwas zu erleben, aber ich möchte nicht vorleben.

Beziehung zu anderen Kindern

Kinder brauchen auch und ganz besonders stabile und gefühlsmäßig positiv erlebte Beziehungen zu anderen Kindern. Über diese Beziehung entwickelt sich das Kind weiter. Es lernt durch Beobachtung, durch Nachahmung und in der Auseinandersetzung mit den anderen Kindern.

Erlebnisorientierte Aktionen sind in besonderer Weise geeignet, einen Rahmen für die Anbahnung stabiler Beziehungen zu bieten. Das Bedürfnis nach Anerkennung, Sicherheit und Zugehörigkeit kann durch eine Gruppe am besten befriedigt werden. Sie erfahren auch eigene Stärken und Schwächen.

Die Herausforderungen richten sich immer an die Gruppe, nie an das einzelne Kind. Es gibt keine Sieger und keine Verlierer. Ältere Kinder helfen den jüngeren und stärkere den schwächeren. Sie planen ihre Aktivitäten gemeinsam, entwickeln Regeln und versuchen eine gemeinsame Lösung durchzuführen. Kinder brauchen die Auseinandersetzung mit anderen Kindern. Sie reiben sich miteinander und wachsen an der Reibung. Sie stecken gemeinsam Niederlagen ein und verkraften sie, gestützt auf die stabile Beziehung zu anderen Kindern, besser, und sie genießen gemeinsam Erfolgserlebnisse.

Ein solches gemeinsames Erfolgserlebnis kann das Selbstwertgefühl des einzelnen und das Gruppengefühl stärken.

5.4 Das Abenteuer Spiel

Spielen gehört zu den zentralen Bedürfnissen des Kindes.

Genau an diesem Punkt knüpfen "Erlebnispädagogen" an, indem sie das Bedürfnis des Kindes nach Spiel, Bewegung, Spannung und lustvoll erlebbaren Aktivitäten stillen.

Um dieses Bedürfnis nach kindgerechtem Spiel vernünftig nachkommen zu können, muss die Ausgrenzung der Kinder aufgehoben werden. Ihnen müssen neue Lebens-, Erlebnis-, Spiel- und Sozialräume erschlossen werden (Parks, Museen, unbebaute Grundstücke, leerstehende Fabrikgebäude).

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Der "Raum" selbst lädt zum Spielen ein. Besonders anregend werden Spiele empfunden, die einen gewissen Spannungs- und Aktivierungsgrad besitzen. Solche Spiele werden als lustvoll, unterhaltsam und erregend erlebt. Folgende Motoren können Spiel spannend und erlebnisreich machen: Das Spiel knüpft an kindliche Neugierde

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Es übt Reiz aus, weil es Überraschungen bietet

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Unklarheiten führen dazu, dass die Spielgruppe Zusammenhänge wahrnehmen und die Erkenntnisse auf das Spielgeschehen übertragen möchte (Rätsel muss gelöst werden)

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Gefühle von Ungewissheit lösen ebenso Spannung aus wie ein gewisses Risiko (Mutproben). Im abenteuerlichen Spiel stehen zwei Aspekte im Vordergrund: Kooperation statt Wettkampf und Konkurrenz, als Gruppe Problemlösungsstrategien entwickeln und durchsetzen, sich gegenseitig Unterstützung geben und aufeinander Rücksicht nehmen;

auf der Basis von erlebnisorientierten Aktionen, die Spannung und Herausforderung bedeuten, eine gewisse Risikobereitschaft entwickeln, sich auf neue ungewohnte Handlungen einlassen und dadurch die eigenen Handlungsmöglichkeiten erweitern: Abenteuer erleben. Wirkliches Abenteuer lässt sich nicht konsumieren.

Wirkliches Abenteuer verlangt selbstständiges Handeln und Denken.

5.5 Das Erlebnis der Wahrnehmung.

Unter Wahrnehmung verstehen wir das Aufnehmen und Verarbeiten von Eindrücken mit Hilfe unserer Sinnesorgane. Die Wahrnehmung ist der wichtigste Baustein in der kindlichen Entwicklung. Die Integration der Sinne gelingt ohne fremde Hilfe in den frühen Lebensjahren.

Kinder sind sehr sinnliche Wesen: Sie wippen, sie toben in ihren Betten, bauen Türme und balancieren auf den Mauern, sie stecken alles in den Mund und fassen alles an.

Sie bohren in der Nase und essen ihre Popel, sie schmieren sich Niveacreme in die Haare, beschnüffeln ihre feuchten Füße und zählen gegenseitig ihre Muttermale auf ihren Körpern. Stimuliert werden müssen sie für solche erlebnisreichen Erfahrungen nicht.

Erlebnisorientierte Aktionen können Erfahrungen vermitteln, die zur sensomotorischen Integration beitragen. Jede körperliche Aktivität fördert das Zusammenspiel der Sinne. Komplexe Anpassungsreaktionen werden automatisch erprobt.

Neues wird ausprobiert und eingeübt und Zusammenhänge werden deutlich. Kinder, die gelernt haben, ihren Wahrnehmungen zu trauen, die nicht ausschließlich auf Informationen von Erwachsenen angewiesen sind, gehen vernünftig mit sich um. Sie fallen nicht vom Baum, weil sie das Klettern geübt haben, sie schneiden sich nicht, weil sie Erfahrungen haben, dass Messer scharf sind, und sie gehen behutsam mit Feuer um, weil sie begriffen haben, wie Feuer wirkt. Mangelnde Ausbildung und Integration des Wahrnehmungssystems können zu

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Störungen in der Wahrnehmungsverarbeitung

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Verhaltensauffälligkeiten

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Angst, Aggressivität, Konzentrationsmangel und

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erhöhter Unfallgefahr

führen. Deswegen ist es notwendig, Spiele, Aktionen und Projekte anzubieten, die Kinder durch "freudvolle Erlebnisse" dazu verführen, Geschmack zu finden und vielleicht auch bewusstes Interesse an leibhaftigen Erfahrungen, in denen Selbstgefühl, Naturerleben und Entwicklung von Situationen so lebhaft tief und ungezwungen wie in der Kindheit sich verbinden.

5.6 Das Erlebnis der Bewegung

Schon das ungeborene Kind zeigt einen deutlichen Bewegungsdrang, indem es mit Armen und Beinen strampelt. "Der Aufbau des "Selbst", das Vertrauen in die eigene Person und das Bild, das man sich über sich selbst macht, ist beim Kind im wesentlichen geprägt von Körpererfahrungen, die es in den ersten Lebensjahren macht "Die Integration der Sinne und der Wahrnehmungsempfindungen sowie das Denken sind ohne Bewegung gar nicht möglich. Da Bewegung eine heilsame Wirkung hat, sollten erlebnisorientierte Aktionen viele Bewegungsanreize bieten. Sich frei bewegen zu können,

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stärkt das Selbstwertgefühl und mindert Angst

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hilft, Gefühle für den eigenen Körper zu entwickeln und auszudrücken

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trägt dazu bei, die materielle Welt zu begreifen

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hilft, soziale Beziehungen aufzubauen und zu festigen

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trägt dazu bei, das Selbst- Bild zu entwickeln und Grenzen erkennen zu können

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hat eine produktive Dimension. Eine sportliche Aktivität wird entwickelt, man denkt sich etwas aus, stellt mit dem Körper etwas her und kommuniziert nonverbal

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hilft, die Umwelt besser kennen zu lernen und sie sich zu erschließen

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fördert die kognitive Entwicklung.

Für erlebnisorientierte Aktionen und Spielpädagogik ergeben sich aus diesen Annahmen folgende Schlussfolgerungen: Ein Kind, das balancieren und Bäume erklettern durfte, fällt selten herunter. Bewegungstraining ist also auch Sicherheitstraining.

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Der Bewegungsdrang des Kindes braucht Befriedigung, verlangt danach aber ebenso wieder nach Entspannung und Ruhe.

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Die Teilnahme an Spiel und Bewegung kann nicht erzwungen werden. Es können aber Impulse gesetzt, Hilfen angeboten, Anregungen gegeben und es kann eingeladen werden. Neugierde kann geweckt werden und Anreize können geschaffen werden.

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Frustrationserlebnisse sollten nach Möglichkeit, obwohl sie die Realität des Lebens abbilden, vermieden werden. Das bedeutet, dass leistungsschwächere Kinder bewältigbare Aufgaben bekommen, dass die Erzieherin versuchen muss. Stärken dieser Kinder herauszufinden, und auf Integration achten sollte.

Pure Wissensvermittlung wird durch Bewegungserfahrungen, Erkundungen und Experimente ersetzt. Methodisch – didaktische Prinzipien:

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spontane Ideen zulassen

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Neugierde wecken

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viel Freiheit gewähren und wenig Grenzen setzen

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ganzheitliche Spiel- und Bewegungsangebote machen

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altersgemäße Spielauswahl treffen

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situative Offenheit herstellen

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freiwillig, Erlebnisorientierung, Entscheidungsfreiheit und Selbsttätigkeit zum Prinzip machen

6 Aufgaben der Pädagogen bei der Spielgestaltung

In erster Linie sollen Spiele und Aktionen Spaß machen und unterhalten. Die Situation sollten für die Kinder neu sein, sich aber trotzdem an der realen Lebenssituation orientieren.

Bei allen Aktionen ist aber immer zu beachten, dass Sicherheitsfaktoren Vorrang haben und die Kinder nicht überfordert werden dürfen. Die Beziehung der Pädagogin zu den Kindern ist dialogisch( d.h. ihre Handlungen sind durch die Auseinandersetzung mit den Kindern bestimmt) und greift nur in folgenden Situationen ein:

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Sie ergreift Initiative, indem sie Material anbietet, Kinder zu gewünschten Spielorten führt, ihnen bei Bedarf Hilfestellung gibt.

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Sie zeigt Interesse, sie hört zu, gibt Unterstützung, nimmt teil- ist selbst aktiv, hilf wo es notwendig ist

Sie organisiert das Wissen, indem sie bei der Klärung von Problemen hilft, Sachverhalte definiert und Begriffe für das entwickeln, was sie tun. Was noch beachtet werden sollte:

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Spielplanung rechtzeitig in Angriff nehmen: Zusammenstellung einer erlebnisorientierten Spielsequenz, alter- und entwicklungsgemäße Aufgabenstellung,

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genaue Untersuchung und Kennen lernen des Spielraumes

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Spielmaterial organisieren, Eltern und Kinder mit in die Planung einbeziehen (Situationsansatz)

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Zeitplanung

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klare Aufgabenstellung

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Sicherheitskriterien erfüllen –> erste Hilfe Koffer

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Transparenz herstellen (um was geht es, was will ich erreichen ?)

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Regeln besprechen

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beobachten

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bei Gefahr eingreifen

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Reflexion

7 Ziele der Erlebnispädagogik

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Entwicklung von Selbstvertrauen

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Durchsetzungsvermögen

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eigene Grenzen kennen lernen und sie zu erweitern

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Schulung der Wahrnehmungsfähigkeit

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ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung (Geist- Seele- Körper)

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Leben erleben

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Vermittlung von sozialen Erfahrungen und Selbsterfahrungen

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Solidarität

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Kooperationsfähigkeit

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Entwicklung und Stabilisierung von Eigeninitiative

8 Erlebnispädagogik – ein Modetrend?

Angebote in Form von "Erlebniseinkauf" im Supermarkt, Besuch eines Erlebnisbades oder –parks, Erlebnisreisen ins Disneyworld machendeutlich, dass wir in einer "modernen Erlebnisindustrie" leben, in der die Werbebranche verspricht, sämtliche Erlebnisdefizite aufzufangen. So wird trendgerecht jedes Genussmittel als Erlebnisprodukt angepriesen.

Selbst das Benutzen eines bestimmten Reinigungsproduktes verspricht, ein Erlebnis zu werden. Kommerzielle Anbieter von Erlebnisprodukten jeglicher Art machen zu Zeit volle Kassen. Trotzdem klagen immer mehr Menschen über Langweile, Frust und Einsamkeit. Kinder haben in unserer "Risikogesellschaft" kaum noch Möglichkeiten der eigenständigen und eigenverantwortlichen Lebensweltgestaltung.

Das führt dazu, dass der "Kick" immer intensiver, höher, besser, imposanter sein muss. Bei Schulkindern und Jugendlichen mündet das Bedürfnis im Techno- Drogenrausch und beim Autocrash.

Der jährliche Ausflug des Kindergartens führt ins Hansa- oder Sommerland, sechsjährige Kinder nehmen Abschied vom Kindergartendasein mit dem Besuch der Karl- May- Festspiele. Statt Spannung im Spiel mit anderen Mindern zu suchen, sitzen etliche Kinder vor dem Computer und lassen Superfrog und Nicky-Boom die Abenteuer stellvertretend für sie erleben. Ist der neu erwachte und doch so alte Trend zu erlebnispädagogischen Methoden nun Mode – oder steckt mehr dahinter?

"Mode" hat etwas mit dem Zeitgeschmack zu tun. Insofern ist Erlebnispädagogik sicherlich auch als Modeerscheinung zu betrachten. Will Erlebnispädagogik mehr sein, muss sie sich zu einer wissenschaftlichen Teildisziplin entwickeln und sich die Frage nach einer brauchbaren Evaluation gefallen lassen. Wer sie als Modeerscheinung bezeichnet, will provozieren oder Erlebnispädagogik abqualifizieren.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Erlebnispädagogik schon einmal in diese Ecke gestellt und als flüchtige Modeerscheinung abgetan. Kinder brauchen für eine gesunde Entwicklung Erlebnisse. Wer Kindern diese Erlebnisse nicht vorenthält, indem er ihre Freiheit einschränkt, ihre Neugier und Experimentierlust bremst, sondern ihnen entsprechend Spielraum und Autonomie gewährt, der muss Erlebnisse und Abenteuer nicht künstlich initiieren und benötigt keine Spezialpädagogik für Erlebnisse. Erlebnisse müssen nicht spektakulär, sie können auch leise sein:

Ein "leises", aber wunderschönes Erlebnis, das überhaupt nicht im Trend liegt, kann die Beobachtung eines Sonnenaufgangs sein. Wenn also erlebnispädagogische Betreuungsformen zu einer Modeerscheinung verkommen sein sollten und Kindern Erleben ohne Dauer und in ständigem Wechsel verabreicht wird, wenn Erlebnispädagogik ausschließlich auf schnelle Bedürfnisbefriedigung abzielt, dann sollten wir einen neuen Begriff für das finden, was Kinder zu allen Zeiten gern getan haben und immer noch tun: klettern, balancieren, sich bewegen, toben, experimentieren, ohne Erwachsene auf Entdeckungsreise gehen, spielen, neugierig sein, Fehler machen, aus Erfahrungen lernen, mit anderen Kindern zusammen sein, usw.

9 Sprüche im Bezug auf Erlebnispädagogik, die unseren zukünftigen Weg durch das Leben begleiten sollten

"Habe ich meinen Körper verloren, so habe ich mich verloren. Finde ich meinen Körper, so finde ich mich selbst. Bewege ich mich, so lebe ich und bewege diese Welt. Ohne diesen Leib bin ich nicht, und als mein Leib bin ich."

(V. lljine)

"der Aufbau des "Selbst", das Vertrauen in die eigene Person und das Bild, das man sich über sich selber macht, ist beim Kind im wesentlichen geprägt von Körpererfahrungen, die es in den ersten Lebensjahren macht."

(Verfasser unbekannt)

"Niemals aber wird ein verantwortungsbewusster Erzieher es wagen dürfen, selber Schicksal spielen zu wollen"

(Bollnow 1959)

"Alles was lebt erlebt was!"

(Verfasser unbekannt)

"Glücklich zu sein ist nicht das Wichtigste im Leben, sondern lebendig zu sein. Zu leiden ist nicht das Schlimmste im Leben, das Schlimmste ist die Gleichgültigkeit. Leiden wir, dann können wir versuchen, die Ursachen des Leidens zu beseitigen. Fühlen wir hingegen gar nicht, sind wir gelähmt."

(Erich Fromm)

"Leben ist nicht genug", sagte der Schmetterling, "ich brauche Freiheit, Sonne und eine kleine Blume."

(Verfasser unbekannt)

Kinder lernen, was sie im Leben erfahren. Wenn ein Kind immer kritisiert wird, lernt es, zu verurteilen. Wenn ein Kind in Feinseligkeit lebt, lernt es, zu streiten. Wenn ein Kind ständig beschämt wird, lernt es, sich schuldig zu fühlen. Wenn ein Kind Toleranz erlebt, lernt es, tolerant zu sein. Wenn ein Kind Ermutigung erfährt, lernt es, zuversichtlich zu sein. Wenn ein Kind Zuneigung erfährt, lernt es, gerecht zu sein. Wenn ein Kind Sicherheit erlebt, lernt es zu vertrauen. Wenn ein Kind sich angenommen weiß, lernt es Selbstvertrauen. Wenn ein Kind Anerkennung und Freundschaft erfährt, lernt es, Liebe auf der Welt zu finden.

(Verfasser unbekannt

11 Quellenangabe / Adressen

Buch: Erlebnispädagogik – Abenteuer für Kinder
Theorie und Projektideen
Konzeptbuch Kita
von Petra Brandt
Herder Verlag
2. Auflage
ISBN: 3-451-26786-1Kinder- und Jugendfarm Darmstadt eV
Maulbeerallee 59
64291 Darmstadt – Arheiligen
Kontakt: Helga Feyerabend
Tel. (0 61 51) 71 87 81

verfasst und eingesandt von Sabrina Herrmann

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